Scham, Schwäche, Sprachlosigkeit – Wenn Jungen und Männer sich wehrlos fühlen

Jungen und Männer, die körperliche, seelische oder sexuelle Gewalt erleiden, sprechen kaum darüber. Das Gefühl von Wehrlosigkeit wird meist als eigene Schwäche oder eigenes Versagen empfunden und führt zu Scham und Sprachlosigkeit bei Jungen und Männern. Das Erlebte wird häufig verharmlost, bagatellisiert und verschwiegen. Nicht selten fühlen sich Betroffene gedemütigt und für die erlittene Gewalt selbst schuldig.

Sich einzugestehen, schlimme Erfahrungen von Misshandlung oder Gewalt gemacht zu haben, stellt für Jungen und Männer eine große Überwindung dar, zumal das gesellschaftlich vermittelte Bild von Männlichkeit nach wie vor in großem Ausmaß davon geprägt ist, stark zu sein, sich durchsetzen zu können, erfolgreich zu sein. Nach erlittener Gewalt ist dieses Selbstbild beschädigt.

Im Bestreben, das Selbstbild des durchsetzungsfähigen Jungen oder Mannes rasch wieder her zu stellen, reagieren Viele mit Verdrängen des Gewalterlebnisses. Die schmerzliche Erfahrung wird ausgeblendet. Nicht darüber zu sprechen kann den Eindruck erwecken, dass die Erlebnisse gar nicht vorhanden sind. Diese Distanz zur eigenen Verletztheit lässt jedoch keine Nähe zu sich selbst und zu anderen zu und kann sich störend auf das eigene Leben und die Beziehungen zu anderen auswirken. Nicht selten ist die Folge eines derartigen Umgangs mit Gewalterfahrungen, dass ein Junge oder Mann selbst zum Täter wird.

Auch der Sprachgebrauch kann hier zum Problem für die Betroffenen werden. Jemanden als ‚Opfer‘ zu bezeichnen kann diskriminierend und stigmatisierend wirken. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn Jugendliche sich gegenseitig als ‚Du Opfer‘ beschimpfen. Die als ‚Opfer‘ bezeichnete Person fühlt sich nicht in ihrer Gesamtheit ernst genommen und empfindet sich dadurch zusätzlich erniedrigt. Zudem erschwert die Festschreibung als ‚Opfer‘, dass die betroffene Person in Bezug auf die erlittene Gewalt Verantwortung für sich selbst übernimmt, und zwar nicht für die Gewalttat an sich, sondern für die Bewältigung der Gewaltfolgen.

Hilfe für männliche Gewaltopfer kann auch präventiv wirken. Es kann davon ausgegangen werden, dass Gewalttaten durch ehemals betroffene Männer mit großer Wahrscheinlichkeit abnehmen, wenn diese Möglichkeiten vorfinden, um ihre eigenen Opfererfahrungen auszudrücken und zu bearbeiten. Dies ist eines der Ergebnisse, das die österreichischen Männerberatungsstellen in dem Projekt „Da war ich wehrlos“ zu Opfererfahrungen von Männern erarbeitet haben.

Eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz für Männer, die Gewalt erlitten haben sowie Unterstützung, sich nach Gewalterfahrung Hilfe zu holen, ist wünschenswert. Nach einem Gewalterlebnis ist es wichtig, dass der Betroffene auf Menschen trifft, die damit vertrauensvoll und ohne Vorurteile umgehen. Jungen und Männer brauchen Ermutigung, um ihre eigenen Opfererfahrungen wahrnehmen und ausdrücken zu können. Akzeptanz, Respekt, Achtsamkeit und Zuwendung sind wichtig, um unmissverständlich deutlich zu  machen, dass eine Person Gewalt ausgesetzt war und Erniedrigung erlebt hat. Raum und Zeit sind notwendig, damit die Erlebnisse verarbeitet werden können.

Es spricht also alles dafür, Jungen und Männer zu ermutigen, sich mit eigenen Gewalterlebnissen auseinander zu setzen und ihnen die Möglichkeit zu geben, in einem respektvollen Umfeld erlittene Gewalt zu verarbeiten. Neben der gesellschaftlichen Akzeptanz für Jungen und Männer, die Gewalt erlitten haben, sind hier vor allem die professionellen Einrichtungen gefordert, Angebote auszubauen, die gezielt Jungen und Männer ermutigen, sich Hilfe zu holen.

Bernhard K. Fuchs
www.vordermann.at

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